Mallorca in der Krise
Samstags herrscht der größte Andrang auf Mallorcas Flughafen Son Sant Joan. Doch Negativ-Schlagzeilen über die Tourismussteuer, das Zurückdrängen des Pauschaltourismus, «Geisterstädte», Umweltsünden und die Sorgen von Prominenten haben für Verunsicherung gesorgt. Steht Mallorca vor einem Ende des Booms? Rund 930 000 Urlauber sind allein im Mai per Flugzeug auf Mallorca eingetroffen, knapp 360 000 kamen aus Deutschland. Die Zahl der deutschen Touristen ging damit gegenüber 2000 zwar um etwa sechs Prozent zurück. Dies wurde aber durch steigende Zahlen bei den Gästen aus Großbritannien, Italien, der Schweiz und Schweden wettgemacht, wie die Statistik des Tourismus-Instituts der Balearen belegt. Insgesamt stieg die Zahl der Urlauber auf Mallorca im Mai 2001 im Vergleich zum Vorjahresmonat um 1,2 Prozent. Nach den Erhebungen des Tourismus-Instituts haben die Deutschen mit gut 38 Prozent weiter die Nase vorn vor den Briten, die auf einen Anteil von 34 Prozent kommen. Auf dem Flughafen herrscht eine quirlige Atmosphäre, fast wie auf den großen Airports in den USA. Am Ausgang warten die Abholer der Reiseunternehmen in Scharen und weisen den Weg zu bereit stehenden Bussen. Andere Touristen streben zu den Büros der Mietwagenanbieter, draußen herrscht quirliger Straßenverkehr mit Taxen und Linienbussen. All das gehört weiter zum Alltag auf der beliebtesten Ferieninsel der Deutschen.
Puerto Andratx, der im Südwesten der Insel gelegene bevorzugte Ort der Reichen und Schönen aus Deutschland, lebt wie eh und je, auch wenn die Rekord-Buchungszahlen aus den Vorjahren diesmal ausbleiben. Vom anhaltenden Zuspruch zeugen aber nicht zuletzt die Baukräne und Werbetafeln von Immobilienhändlern. Star-Regisseur Dieter Wedel wurde der Bau-Rummel kürzlich gar zu bunt: Nach anstrengenden Dreharbeiten flüchtete er vor den Presslufthämmern in der Nachbarschaft aus seinem Penthouse lieber in ein Hotel. Und in einem Interview appellierte er an die Behörden, dem Raubbau an der Natur einen Riegel vorzuschieben: «Die tragen bei uns vor der Haustür den ganzen Berg ab.»
Drei Kilometer entfernt eine ungetrübte Idylle: In der Bucht vor dem kleinen Fischerort San Telmo ankern tagsüber die Yachten, gönnen sich die Besatzungen der Schiffe und die anderen Touristen ein Bad im kristallklaren Wasser. Im Ort selbst bleiben ein Hotel und ein Gästehaus zusammen mit einer überschaubaren Zahl Appartmentanlagen die einzigen Zeichen des Pauschaltourismus. In den Bars fühlen sich Einheimische ebenso wohl wie Touristen - nicht zuletzt, weil die Flasche Bier noch für knapp drei Mark zu haben und die Fischsuppe unwiderstehlich ist. Das Neonlicht ist zwar ungemütlich, dafür bietet die Bar aber einen Traumblick auf die kleine, vorgelagerte Insel Dragonera. Das «andere Mallorca» - es gibt es wirklich noch.
Für alle, die es mögen, existiert weiterhin der «Ballermann» mit «Schinkenstraße» und «Bierkönig», mit grölenden Horden betrunkener Touristen, die nicht zuletzt zum Negativ-Image der Insel beigetragen haben. «Trotzdem: Das Positive überwiegt», schwört Willi Kramme, ein Chef-Reiseleiter bei LTU-Touristik, der seit mehreren Jahren auf der Insel lebt und zum Beispiel auf die 57 blauen Flaggen hinweist, die die Balearen-Strände von der Stiftung für Umwelterziehung in Europa in Kopenhagen für beste Wasserqualität und Dienstleistungen am Strand erhalten haben - in diesem Sommer sind es vier mehr als im Jahr 2000.
«Wo gibt es ein Urlaubsziel, das für jeden Geschmack alles bietet? Idylle und Remmidemmi, kahle Berge und saftige Wiesen, endlose Wanderwege und blaues Meer, dazu nicht nur in der Hauptstadt Palma ein reichhaltiges Kulturprogramm?», fragt Kramme. Die Aufregung der letzten Zeit hält er für bedenklich, viele seiner Gäste aber sprechen von einem «Sturm im Wasserglas»: «Endlich mal wieder ein Mietwagen zu vernünftigen Preisen und ohne lange Warterei», sagt Urlauber Hermann Anders und freut sich über seinen Opel Corsa, der ihn pro Tag mit allen Versicherungen 35 Mark kostet. Und seine Ehefrau ist glücklich, dass sie ihre Lieblingsbucht in diesem Jahr nicht mit ganz so vielen anderen Urlaubern teilen muss: «Von mir aus kann es so bleiben.»
Mit einer umfangreichen Imagekampagne will Mallorcas Regierung jetzt den Blick der Medien wieder mehr auf die Vorzüge der Insel als auf die rückläufigen Zahlen bei Reiseveranstaltern lenken. Außerdem müssten die Zahlen im Zusammenhang gesehen werden: Mallorcas Rekorde der vergangenen Jahre seien beeinflusst gewesen vom vorübergehenden Stillstand des Tourismus in Kroatien, von Erdbeben in der Türkei und Terroranschlägen in Ägypten. Inzwischen denkt die Balearenregierung auch an eine eigene Vertretung in Berlin - in einem Interview des «Mallorca-Magazins» sprach Tourismusminister Celestí Alomar kürzlich von der Eröffnung zur Internationalen Tourismus-Börse im März 2002.
Viele Mallorquiner sehen die Diskussion in Deutschland um ihre Insel eher gelassen. Carlos Vert etwa, Juniorchef in einem seit 30 Jahren bestehenden Bootsunternehmen, vertraut auf die Bemühungen der Inselregierung um Qualitätstourismus. «Höhen und Tiefen und kleine Krisen hat es immer mal gegeben. Aber letztlich wird sich Qualität durchsetzen.» Inzwischen stehen etwa 40 Prozent der Insel unter Landschafts- oder Naturschutz. Dazu zählen die Naturschutzgebiete S'Albufera, Sa Dragonera und Mondragó sowie der Nationalpark Dragonera. Auch genießt die Serra de Tramuntana - das Gebirge, das den Westen der Insel prägt - höchsten Umwelt- und Landschaftsschutz.
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